Tom Hansen — der Fischer | Thomas Brunner Photography
Tom Hansen — der Fischer | Thomas Brunner Photography
Tom Hansen — der Fischer
Die falsche Abzweigung
Eigentlich wollte ich nach Sommarøy.
Die Straße teilte sich, rechts war das Schild, geradeaus lag der Plan. Ich bin links abgebogen. Nicht aus einem bestimmten Grund — eher aus einem Gefühl. Das Licht war seltsam an diesem Morgen, zu weich, zu still für die Jahreszeit. Der Himmel hatte diese schwere Farbe die einem sagt: gleich kommt etwas. Schnee vielleicht. Oder etwas anderes.
Ich bin einfach gefahren. Dann nochmal abgebogen. Und nochmal. Und plötzlich war ich da.
Kein Schild. Kein Parkplatz für Touristen. Kein Café. Nur ein Arbeiterhafen, wie er sein soll — zweckgebaut, nüchtern, echt. Fischerboote die nach Arbeit aussehen, nicht nach Postkarte. Styroporboxen mit Namen drauf die niemand kennt. Taue im Schnee. Und überall dieser Geruch von getrocknetem Fisch, der sich in die Kleidung setzt und tagelang bleibt.
Ich bin ausgestiegen. Habe die Kamera noch nicht angehoben.
Was da hängt
Die Fische hingen in langen Reihen an den Holzbalken. Stockfisch — aufgeschnitten, getrocknet, regungslos im Wind. Hunderte davon. Es ist eines der ältesten Bilder Norwegens, und es wirkt trotzdem jedes Mal fremd. Als hätte die Zeit hier einen anderen Gang. Als wäre dieser Hafen nicht Teil der Gegenwart, sondern ein Ort der immer schon so war und immer so sein wird.
Darunter saß ein kleiner Vogel im Schnee, allein, als würde er auf etwas warten.
Ich habe die Kamera gehoben. Erst jetzt.
Der Mann am Boot
Er war schon eine Weile da. Grauer Wollpullover, Ankermuster, Mütze. Er arbeitete am Boot, konzentriert, ohne aufzuschauen. Ich habe ihm aus der Distanz zugewinkt. Er hat zurückgenickt. In Norwegen ist das schon fast ein Gespräch.
Irgendwann haben wir dann tatsächlich geredet. Tom Hansen. Fischer — oder wie er es selbst nennen würde: jemand der gerne rausfährt.
Er erzählte nicht viel. Typisch nordisch. Kurze Sätze, lange Pausen dazwischen, und man lernt mit der Zeit dass in den Pausen meistens das Wichtigste steckt. Er sagte, seine Tage fangen früh an. Dass er das so mag. Und dann, fast beiläufig, zwischen zwei Handgriffen: dass die arktischen Fische früher weiter in den Süden geschwommen sind — bis zu den Lofoten. Heute nicht mehr. Das Meer sei zu warm geworden.
Er hat das ohne Klage gesagt. Ohne Dramatik. Einfach so, als würde er über das Wetter reden.
Ich habe nichts gesagt. Was hätte man sagen sollen.
Eine Einladung
Bevor ich gegangen bin, hat er mich eingeladen. Wenn ich das nächste Mal hier bin, soll ich mich melden. Dann kann ich rausfahren.
Ich werde mich melden.
Nicht wegen der Bilder. Wegen dem was noch nicht gesagt wurde — in den Pausen, auf dem Wasser, wenn die Berge Textur sind und der Fisch nicht mehr da ist wo er früher war.
Manche Geschichten beginnen mit einer falschen Abzweigung.
Keine Märchen, sondern Geschichten.
KEINE MÄRCHEN SONDERN GESCHICHTEN
„Frei nach meinem Slogan – keine Märchen, sondern Geschichten – erzähle ich mit meinen Bildern Geschichten. Geschichten von Menschen wie sie sind, was sie machen und was sie bewirken.“
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